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Getreidefreies Hundefutter: Sinnvoll oder Marketing-Trend?

21.7.202611 min Lesezeit
Getreidefreies Hundefutter: Sinnvoll oder Marketing-Trend?
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Getreidefreies Hundefutter – die kurze Antwort: weder Wundermittel noch Gefahr

Getreidefreies Hundefutter ist für die meisten Hunde weder notwendig noch schädlich – es ist in erster Linie eine Rezepturentscheidung des Herstellers und ein Marketingversprechen. Eine echte Getreideallergie ist beim Hund selten; die häufigsten Futtermittelallergene sind tierische Proteine wie Rind und Huhn. Gut aufgeschlossenes Getreide wie Reis oder Haferflocken können gesunde Hunde problemlos verdauen. Wirklich sinnvoll ist der Verzicht auf Getreide vor allem dann, wenn eine Unverträglichkeit tierärztlich nachgewiesen wurde – etwa über eine Ausschlussdiät.

Auf einen Blick

  • Geeignet für: Hunde mit nachgewiesener Getreide-/Glutenunverträglichkeit – für alle anderen optional
  • Empfehlung: Nicht "getreidefrei ja/nein" entscheidet über Qualität, sondern Fleischanteil, Deklaration und ausgewogene Rezeptur
  • Preisklasse: getreidefreie Futter liegen meist im Premium-Segment, ca. 4-12 €/kg (Trockenfutter)

Ich habe in den letzten Jahren über 500 Futterprodukte analysiert, davon einen erheblichen Teil mit dem Label "getreidefrei". Meine nüchterne Bilanz: Unter den getreidefreien Futtern gibt es hervorragende Produkte mit hohem Fleischanteil und sauberer Deklaration – und es gibt teuer vermarktete Mittelmäßigkeit, bei der Weizen einfach durch billige Erbsenstärke ersetzt wurde. Das Label allein sagt über die Qualität ungefähr so viel aus wie ein "Natürlich"-Aufdruck: nichts. In diesem Artikel bekommst du die Fakten, damit du selbst entscheiden kannst, ob getreidefreies Hundefutter für deinen Hund sinnvoll ist.

Was bedeutet getreidefrei überhaupt?

"Getreidefrei" (englisch "grain-free") heißt nur: Die Rezeptur enthält kein Getreide – also weder Weizen noch Mais, Reis, Gerste, Hafer, Roggen oder Dinkel. Es heißt ausdrücklich nicht, dass das Futter mehr Fleisch enthält oder hochwertiger wäre. Denn irgendwoher muss die Stärke kommen, die vor allem Trockenfutter für die Krokettenform technisch braucht.

Getreidefrei vs. glutenfrei vs. kohlenhydratfrei

Diese drei Begriffe werden ständig durcheinandergeworfen, meinen aber völlig unterschiedliche Dinge:

  • Getreidefrei: Kein Getreide, aber fast immer andere Kohlenhydratquellen – typisch sind Kartoffel, Süßkartoffel, Erbsen, Linsen, Kichererbsen oder Tapioka. Der Kohlenhydratgehalt kann genauso hoch sein wie bei einem Futter mit Reis.
  • Glutenfrei: Kein Klebereiweiß – also kein Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel. Reis und Mais sind glutenfrei und dürfen enthalten sein. Ein glutenfreies Futter kann also durchaus Getreide enthalten.
  • Kohlenhydratarm/-frei: Gibt es praktisch nur bei Nassfutter und BARF. Trockenfutter ohne nennenswerte Kohlenhydrate ist herstellungstechnisch kaum machbar.

Der wichtigste Punkt: Getreidefrei ist nicht kohlenhydratfrei. Wer glaubt, mit einem getreidefreien Trockenfutter eine "ursprüngliche, fleischbasierte" Ernährung zu füttern, sollte einen Blick auf den Erbsen- und Kartoffelanteil werfen. Wenn dich eine wirklich fleischbetonte Fütterung interessiert, sind hochwertiges Nassfutter (siehe mein Vergleich Trockenfutter vs. Nassfutter) oder eine sauber geplante Rohfütterung die konsequenteren Wege.

Blick auf die Deklaration: Woran du echten Getreideersatz erkennst

Ob ein getreidefreies Futter gut gemacht ist, erkennst du an der Zusammensetzung – nicht am Label. Darauf achte ich bei der Analyse:

  • Fleisch an erster Stelle, mit Prozentangabe: z. B. "Entenfleisch (getrocknet) 26 %". Vage Formeln wie "Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse" ohne Prozentangabe sind ein Warnsignal – getreidefrei hin oder her.
  • Welche Kohlenhydratquelle ersetzt das Getreide? Kartoffel und Süßkartoffel sind gut verdaulich. Hohe Anteile an Erbsen, Erbsenprotein und Linsen können den Proteingehalt künstlich aufhübschen – das Protein stammt dann teilweise aus Pflanzen, nicht aus Fleisch.
  • Splitting erkennen: Wenn "Erbsen", "Erbsenmehl" und "Erbsenprotein" einzeln gelistet sind, rutscht jede Einzelposition in der Reihenfolge nach hinten – zusammengerechnet wären sie womöglich Hauptzutat.

Wie du eine Zutatenliste Schritt für Schritt auseinandernimmst, habe ich im Ratgeber zur Hundefutter-Deklaration ausführlich erklärt.

Wie häufig ist eine Getreideallergie beim Hund wirklich?

Hier räumen wir mit dem größten Marketing-Mythos auf. Futtermittelallergien sind beim Hund insgesamt deutlich seltener, als die Werbung suggeriert – sie betreffen nur einen kleinen Teil aller Hunde, und selbst unter Hunden mit Juckreiz oder Hautproblemen ist die Futtermittelallergie nur eine von mehreren möglichen Ursachen (häufiger sind z. B. Umweltallergien und Parasiten).

Und wenn ein Hund tatsächlich allergisch auf Futterbestandteile reagiert, dann zeigen Auswertungen dokumentierter Fälle in der veterinärmedizinischen Literatur ein klares Muster: Die häufigsten Auslöser sind tierische Proteine – allen voran Rind, Huhn und Milchprodukte. Weizen taucht in diesen Auswertungen zwar auf, aber deutlich seltener; andere Getreidearten wie Reis spielen fast keine Rolle. Die Konsequenz ist ernüchternd für die Grain-free-Werbung: Ein getreidefreies Futter mit Huhn hilft einem Hund mit Hühnerprotein-Allergie exakt gar nicht.

Wichtig auch: Bluttests und Haaranalysen aus dem Internet sind zur Diagnose einer Futtermittelallergie nicht zuverlässig. Die einzige belastbare Methode ist die Ausschlussdiät über 6-8 Wochen mit einer Proteinquelle, die dein Hund noch nie gefressen hat – und die gehört in tierärztliche Begleitung. Wie eine Ausschlussdiät praktisch abläuft und welche Futter sich dafür eignen, liest du in meinem Ratgeber zu hypoallergenem Hundefutter. Bei anhaltendem Juckreiz, wiederkehrenden Ohrenentzündungen oder chronischen Magen-Darm-Problemen führt der erste Weg immer zum Tierarzt, nicht ins Futterregal.

Experten-Tipp von Marc

"Wenn mir jemand schreibt 'mein Hund verträgt Getreide nicht', frage ich immer zuerst: Woher weißt du das? In neun von zehn Fällen wurde nie eine Ausschlussdiät gemacht, sondern nur das Futter gewechselt – und beim neuen Futter änderte sich neben dem Getreide auch die Fleischquelle, der Fettgehalt und die Zusatzstoffe. Welcher Faktor die Besserung gebracht hat, weiß dann niemand."

Die DCM-Diskussion aus den USA: Was ist dran?

Wer zu getreidefreiem Futter recherchiert, stolpert früher oder später über die Abkürzung DCM – dilatative Kardiomyopathie, eine Herzmuskelerkrankung. Die US-Arzneimittelbehörde FDA untersuchte ab 2018 Meldungen über DCM-Fälle bei Hunden, die auffällig oft mit getreidefreien Futtern mit sehr hohem Anteil an Hülsenfrüchten (Erbsen, Linsen) oder Kartoffeln gefüttert worden waren – teilweise bei Rassen, die genetisch eigentlich nicht zu DCM neigen.

Der aktuelle Stand, sachlich zusammengefasst:

  • Ein kausaler Zusammenhang wurde nie nachgewiesen. Die FDA selbst hat betont, dass die Datenlage keinen ursächlichen Schluss zulässt, und ihre Routine-Updates zu dem Thema eingestellt.
  • Die plausibelste Lesart nach heutigem Wissensstand: Es ging mutmaßlich um bestimmte Rezepturdesigns – Futter, in denen Erbsen und Linsen einen sehr großen Teil der Rezeptur stellten – und nicht um das "fehlende Getreide" an sich. Diskutiert werden unter anderem Effekte auf die Verfügbarkeit der Aminosäure Taurin bzw. ihrer Vorstufen.
  • Panik ist nicht angebracht, blindes Vertrauen aber auch nicht. Meine Empfehlung: Wähle getreidefreie Futter, bei denen Fleisch die Hauptzutat ist und Hülsenfrüchte nicht die halbe Zutatenliste dominieren. Bei Rassen mit bekannter DCM-Neigung (z. B. Dobermann, Dogge, Irischer Wolfshund) sprich die Futterwahl mit dem Tierarzt ab und lass beim Herz-Check ggf. den Taurin-Status im Blick behalten.

Unterm Strich: Die DCM-Debatte ist kein Grund, getreidefreies Futter pauschal zu verteufeln – aber sie ist ein gutes Argument gegen extreme Rezepturen, in denen billige Hülsenfrüchte das Fleisch ersetzen.

Wann getreidefreies Futter wirklich sinnvoll ist

Es gibt klare Fälle, in denen der Griff zum getreidefreien Futter fachlich begründet ist:

  • Diagnostizierte Getreide- oder Glutenunverträglichkeit: etwa nach einer sauber durchgeführten Ausschlussdiät mit anschließender Provokation. Ein Sonderfall ist die erblich bedingte Gluten-Enteropathie, die vor allem beim Irish Setter beschrieben ist – hier ist glutenfreie (nicht zwingend komplett getreidefreie) Fütterung dauerhaft Pflicht.
  • Während einer Ausschlussdiät: Hier braucht es maximal reduzierte Rezepturen – eine Proteinquelle, eine Kohlenhydratquelle. Viele geeignete Monoprotein-Futter sind konstruktionsbedingt getreidefrei.
  • Individuelle Verdauungsprobleme: Manche Hunde produzieren mit bestimmten Getreiden weichen Kot oder starke Blähungen und fahren mit Kartoffel als Kohlenhydratquelle schlicht besser. Das ist keine Allergie, aber ein legitimer praktischer Grund.

Und wann ist es schlicht egal? Bei einem gesunden Hund ohne Unverträglichkeiten gibt es keinen ernährungswissenschaftlichen Grund, auf Hundefutter ohne Getreide umzusteigen. Hunde haben sich im Lauf der Domestikation an stärkehaltige Kost angepasst – sie bilden deutlich mehr stärkespaltende Enzyme als Wölfe. Aufgeschlossener Reis oder Haferflocken sind für gesunde Hunde gut verdauliche Energiequellen. Ein Futter mit 40 % Fleisch und etwas Reis ist einem "getreidefreien" Futter mit 20 % Fleisch und 45 % Erbsen jederzeit vorzuziehen.

Meine Empfehlungen: Getreidefreie Futter, die ich guten Gewissens nenne

Wenn du dich – aus medizinischen Gründen oder aus Überzeugung – für getreidefrei entscheidest, dann bitte für Produkte mit hohem Fleischanteil und transparenter Deklaration. Diese vier haben in meiner Analyse überzeugt:

ProduktTypProteinquelleKohlenhydratquelleGeeignet für
Wolfsblut Wild Duck AdultTrockenfutterEnteKartoffelErwachsene Hunde, empfindliche Verdauung
Rinti Kennerfleisch MixpaketNassfutterRind, Geflügel u. a. (70 % Fleisch)praktisch keineAlle, die kohlenhydratarm füttern wollen
TeneTRIO InsektenproteinTrockenfutter (Monoprotein)InsektenKartoffel/TapiokaAllergiker, Ausschlussdiät (nach Tierarzt-Absprache)
JosiDog Adult SensitiveTrockenfutter (glutenfrei)GeflügelReisPreisbewusste, denen glutenfrei reicht

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Der JosiDog-Eintrag zeigt bewusst die Alternative: Wenn es dir eigentlich nur um Gluten geht, ist ein glutenfreies Futter mit Reis oft die günstigere und genauso verträgliche Lösung – du zahlst dann nicht den Grain-free-Marketingaufschlag. Das Rinti Kennerfleisch wiederum ist mein Standardbeispiel dafür, dass Nassfutter mit hohem Fleischanteil das konsequenteste "getreidefreie" Futter ist – ganz ohne Erbsen-Trickserei.

Häufige Fragen (FAQ)

Ist getreidefreies Hundefutter besser als Futter mit Getreide?

Nein, nicht pauschal. Die Qualität eines Futters bestimmen Fleischanteil, Rohstoffqualität und Nährstoffprofil (Orientierung: FEDIAF-Richtlinien) – nicht die An- oder Abwesenheit von Getreide. Ein getreidefreies Futter mit hohem Erbsenanteil und wenig Fleisch ist schlechter als ein getreidehaltiges Futter mit 40 % Fleisch und Reis. Für gesunde Hunde ohne Unverträglichkeit sind beide Varianten geeignet.

Woran erkenne ich eine Getreideallergie beim Hund?

Typische Symptome einer Futtermittelallergie sind anhaltender Juckreiz (v. a. Pfoten, Ohren, Gesicht), wiederkehrende Ohrenentzündungen und chronische Magen-Darm-Probleme. Diese Symptome sind aber unspezifisch – sie passen genauso zu Umweltallergien oder Parasiten. Die einzige zuverlässige Diagnose ist eine tierärztlich begleitete Ausschlussdiät über 6-8 Wochen mit anschließender Provokation. Bluttests und Haaranalysen sind dafür nicht aussagekräftig.

Ist getreidefreies Futter gefährlich fürs Herz (DCM)?

Die FDA-Untersuchung ab 2018 hat keinen kausalen Zusammenhang zwischen getreidefreiem Futter und dilatativer Kardiomyopathie nachweisen können; die Behörde hat ihre Routine-Updates eingestellt. Auffällig waren vor allem Rezepturen mit sehr hohem Hülsenfrucht-Anteil. Wer getreidefrei füttert, wählt am besten ein Futter mit Fleisch als Hauptzutat und moderatem Erbsen-/Linsenanteil – bei DCM-Risikorassen zusätzlich Rücksprache mit dem Tierarzt.

Welches Getreide vertragen Hunde am besten?

Am besten verdaulich sind gut aufgeschlossener Reis und Haferflocken – beides bewährte Kohlenhydratquellen, Reis ist zudem glutenfrei. Auch Mais wird in verarbeiteter Form von den meisten Hunden gut vertragen, hat aber einen schlechteren Ruf, als er verdient. Weizen ist das Getreide, das in Allergie-Fallberichten am häufigsten auftaucht – wobei tierische Proteine als Auslöser insgesamt deutlich häufiger sind.

Ist getreidefrei das Gleiche wie glutenfrei?

Nein. Getreidefrei heißt: gar kein Getreide. Glutenfrei heißt nur: kein Klebereiweiß, also kein Weizen, Roggen, Gerste oder Dinkel – Reis und Mais sind erlaubt, denn sie enthalten kein Gluten. Jedes getreidefreie Futter ist automatisch glutenfrei, aber nicht umgekehrt. Bei einer reinen Glutenunverträglichkeit (etwa der beim Irish Setter beschriebenen Gluten-Enteropathie) reicht glutenfreies Futter mit Reis völlig aus.

Brauchen Welpen oder Senioren getreidefreies Futter?

Nein, das Lebensalter ist kein Grund für Getreideverzicht. Bei Welpen zählt vor allem ein an die Wachstumsphase angepasstes Nährstoffprofil – insbesondere das richtige Kalzium-Phosphor-Verhältnis –, bei Senioren angepasste Energie- und Proteingehalte. Ob die Kohlenhydrate dabei aus Reis oder Kartoffel stammen, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass das Futter als Alleinfutter für die jeweilige Lebensphase deklariert und ausgewogen ist.

Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine tierärztliche Beratung. Verdacht auf Futtermittelallergie, chronische Verdauungsprobleme und die Futterwahl bei herzkranken oder DCM-gefährdeten Hunden gehören immer in tierärztliche Begleitung.

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Marc Böhle
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